Flachs lange Geschichte, unsichere Zukunft
Vito Mediavilla, Eidgenössische Forschungsanstalt für Agrarökologie und Landbau (FAL), 8046 Zürich
Quelle: UFA-Revue 9/99
Flachs liefert zwei grundsätzlich verschiedene Rohstoffe: die Fasern sogenanntes Leinen und die Körner. Nachdem in der Schweiz diese altbewährte Kulturpflanze kurz aufblühte, ist der Anbau dieses Jahr wieder verschwunden.
Die Geschichte des Flachses geht sehr weit zurück. Ötzi", der Urtiroler, soll schon vor mehr als 5000 Jahren eine Leinenbekleidung getragen haben. Rund 6000 Jahre alte Leinenreste sollen in der Schweiz und in Süddeutschland gefunden worden sein. Die Bodenseeregion hatte im Mittelalter beim Flachsanbau und bei der Leinenweberei eine weit über die Grenzen reichende Bedeutung. Daraus entstand in der Ostschweiz eine berühmte Textilindustrie, die bis zum 19. Jahrhundert auf dem Anbau und der Verarbeitung von Flachs beruhte. Die Erfindung der Dampfmaschine, der Bau der Dampfeisenbahnen und der Einsatz von grossen Dampfschiffen brachten aus Übersee, Afrika und Vorderasien zuerst Flachsfasern, später die Konkurrenzfaser Baumwolle. Die Konkurrenz mit dem Ausland und mit den Kunstfasern nahm immer mehr zu. 1990 musste dann die letzte schweizerische Leinenspinnerei schliessen.
Wechselnde Anbauflächen
Bis ins 18. Jahrhundert wurde in allen Kantonen, mit Ausnahme des Tessins, fleissig Flachs angebaut. Die in der Schweiz mit Flachs bepflanzte Fläche betrug damals 1300 bis 2000 Hektare. Im 19. Jahrhundert fiel diese Fläche dann stark ab und liess den Flachsanbau zur Bedeutungslosigkeit absinken. Im ersten und im zweiten Weltkrieg trat eine bescheidene Renaissance auf. Auf der Suche nach Alternativen zu herkömmlichen Kulturen, wurde 1995 bis 1997 auf Initiative der Landi Zola in Illnau wieder Flachs angebaut. Seit 1999 gehört Flachs nicht mehr zu den beitragsberechtigten Öl- oder Faserpflanzen.
Weltweit sind Russland und andere osteuropäische Länder mit Abstand die bedeutendsten Flachsproduzenten mit insgesamt rund einer Million Hektaren. 1988 betrugen die Anbauflächen in der Europäischen Union für Faserlein rund 72'000 und für Öllein 19'000 Hektaren. Seit dem hat sich die EU-Produktionsfläche für Faserlein fast verdoppelt. Die Hauptanbaugebiete sind Frankreich, England, Belgien und die Niederlande. Im Gegensatz zu diesen Ländern, wo immer Flachs angebaut wurde, hat die Flachsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland grosse Ähnlichkeit mit derjenigen der Schweiz. In unserem Nachbarland wurden im letzten Jahrzehnt Anstrengungen unternommen, Anbau und Verarbeitung wieder einzuführen. Dafür wurden fünf neue Flachsschwingen gebaut und in Betrieb genommen, so dass die Anbaufläche nach dem Nullpunkt der 50er Jahren 1996 wieder über 4'500 Hektaren betrug. Nach einer Kürzung der Anbauprämien in 1997, sank der Anbau auf 1'300 Hektaren, was zu einer regelrechten Krise der gerade neu erstellten Anlagen und zu Konkursen führte.
Schweizerische Anbaufläche von Flachs im 20. Jahrhundert
| Jahr | Anbaufläche |
| 1917 | 85 ha |
| 1919 | 100 ha |
| 1934 | 10 ha |
| 1943 | 280 ha |
| 1949 | 70 ha |
| 1993 | 0 ha |
| 1996 | 15 ha |
| 1998 | 0 ha |
Vielfältige Nutzungsmöglichkeiten
Der lateinischer Name Linum usitatissimum deutet darauf hin, dass aus dem äusserst nützlichen Lein" ganz unterschiedliche Produkte hergestellt werden können. Primär gilt Flachs als Faserpflanze, seine Körner und das daraus gewonnene Öl werden aber ebenfalls als Rohstoffquelle verwendet.
Flachsfasern werden aus der Rinde (Bast) des Stengels gewonnen. Sie sind neben der Baumwolle die am besten untersuchten Pflanzenfasern überhaupt. Ihre Länge beträgt 20 bis 40 mm, ihr Durchmesser rund 25 m m, ihre Dichte 1,5 g/cm3 und ihre Reissfestigkeit 50 bis 100 cN/tex. Dies macht sie für textile und technische Zwecke besonders wertvoll. Verschiedene Garntypen, Gewebe und Textilien können daraus hergestellt werden und finden in einem der Mode unterworfenen Markt seit Jahrtausenden Verwendung. Neu wurden zahlreiche technische Anwendungen für Flachsfasern und für Flachsfaser-Nebenprodukte wie z.B. Verbundwerkstoffe, Dämmstoffe, Baumaterial und Zellstoff entwickelt.
Leinsamen werden in der Ernährung z.B. für Brot und Müsli verwendet. Sie bestehen unter anderem aus 33% Fett, 23% Protein und 6% Nahrungsfasern. Aus Leinsamen wird Leinöl gepresst, das aus 57% Linolensäure, 19% Ölsäure und 16% Linolsäure besteht. Dieses wird für technische Zwecke z.B. in der chemischen Industrie genutzt. Das bekannteste Produkt ist sicherlich das 1862 patentierte Linoleum. Zur Zeit beträgt die jährliche Produktion von Linoleum 30 Millionen Quadratmeter. Zusätzlich kann Leinöl für Firnis, Wachs und Lack sowie in der Pharma- und Kosmetika-Industrie eingesetzt werden.
Botanik, Sorten und Fruchtfolge
Lein oder Flachs ist einjährig und gehört der Familie der Leingewächse an. Unter den zahlreichen Lein-Arten ist der wildwachsende schmalblättrige Lein mit dem Kulturlein am nächsten verwandt. Beim Kulturlein werden der kleinwüchsige Öllein und der hochwüchsige Faserlein (Flachs) unterschieden. Von beiden Typen existieren mehrere Sorten. Daneben gibt es auch Doppelnutzungssorten sowie neue Züchtungen, die winterhart sind und im Herbst gesät werden.
Wichtigste Unterschiede zwischen Faser- und Öllein
| Faserlein | Öllein |
| Wuchshöhe
bis 160 cm,
schwache Verzweigung, geringe Kornzahl pro Pflanzen, kleines bis mittleres Tausendkorngewicht, hohe Stengel- und Faserertrag, benötigt hohe Niederschlagsmengen |
Wuchshöhe
40 bis 60 cm,
starke Verzweigung bereits im unteren Halmbereich, hohe Kornzahl pro Pflanze, mittleres bis grosses Tausendkorngewicht, hoher Ölertrag, bevorzugt tiefe Niederschlagsmengen |
Grafik 1: Stroh- und Körnererträge von Fasersorten (F), Ölsorten (Ö) und Doppelnutzungssorten (D)

In einem dreijährigen Versuch untersuchten wir neun verschiedene Sorten im Hinblick auf ihre Leistungsfähigkeit. Reine Fasersorten wie Viking und Ariane wiesen einen Strohertrag zwischen 69 und 90 dt Trockensubstanz (TS) pro Hektar. Ihr Körnerertrag lag bei rund 10 dt TS/ha. Reine Ölsorten wie Atalante und Jupiter hatten einen niedrigen Strohertrag von rund 40 dt TS/ha und einen höheren Körnerertrag von rund 16 dt TS/ha. Die Doppelnutzungsorte Flanders glänzte mit einem hohen Strohertrag und einem Spitzenkörnerertrag von 22 dt TS/ha (Grafik 1). Ein Strohertrag von rund 70 dt TS/ha entspricht einem Faserertrag von etwa 18 dt Bastfasern.
Flachs ist eine selbstunverträgliche Kulturpflanze und kann deshalb auf der gleichen Fläche nur jedes siebte Jahr angebaut werden. Als günstige Vorfrucht gelten alle Sommer- und Wintergetreidearten. Ungünstige Vorfrüchte sind Kulturen, die eine hohe oder unkontrollierte Stickstoffnachlieferung aufweisen wie Kunstwiese und Leguminosen (Soja, Erbsen, Ackerbohnen). Dies kann zur Feldlagerung des Leins führen. Flachs benötigt ein feines Saatbett und eine Herbstfurche ist von Vorteil.
Saat und Pflege dem Nutzungszweck anpassen
Flachs stellt keine hohen Ansprüche an den Boden. Ungeeignet sind aber stark verdichtete, zur Staunässe neigende oder sehr steinige Böden sowie Böden, die eine starke N-Mineralisierung aufweisen (Humusböden). Die Drillsaat erfolgt zwischen Mitte März und Anfang April in 2 cm Tiefe. Da der Flachs langsam wächst und eine schwache Konkurrenzkraft aufweist, ist er stark unkrautanfällig und eine Unkrautbekämpfung ist unumgänglich. Dafür stehen Nachauflauf-Herbizide zur Verfügung. Wegen dem engen Reihenabstand (rund 15 cm) ist eine mechanische Unkrautbekämpfung nicht möglich. Bei der Fasergewinnung stellen die Unkrautbeimengungen die Qualität und damit den Erfolg des Anbaus grundsätzlich in Frage.
Grafik 2: Die Saatdichte beeinflusst nur den Strohertrag
Der maximale Strohertrag lag in unseren Versuchen bei 1500 keimfähigen Samen pro Quadratmeter (Grafik 2). Der Körnerertrag hingegen war kaum von der Saatdichte abhängig. Diese Ergebnisse bestätigen ausländische Erfahrungen, wonach Faserlein bei einer Bestandesdichte von 1500 bis 2000 Pflanzen pro Quadratmeter am besten gedeiht. Dies entspricht eine Saatmenge von 120 bis 130 kg/ha. Für Öllein gilt eine Bestandesdichte von 200 bis 400 Pflanzen pro Quadratmeter als ideal, was einer Saatmenge von etwa 30 kg/ha entspricht. Bei dieser geringen Saatdichte ist der Flachsbestand aber besonders unkrautanfällig.
Verschiedene Pilzkrankheiten sind samenbürtig und es ist deshalb notwendig, gebeiztes Saatgut zu verwenden. Krankheiten wie Flachswelke, Flachsrost, Brennflecken, Grauschimmel und Mehltau können auftreten. Sie können meistens mit einer ausreichenden Anbaupause verhindert werden. Ertragseinbussen können auch aufgrund zahlreicher Schädlinge erfolgen; eine direkte Bekämpfung ist in der Regel aber nicht nötig.
Sparsam düngen
Düngung insbesondere ein starkes Angebot an Stickstoff führt bei Flachs sehr schnell zu Feldlagerung und zu grossen Ernteproblemen. Entsprechend ist sehr zurückhaltend zu düngen. Organische Dünger wie Mist und Gülle sind ungeeignet. Auf Böden mit sehr schlechtem Stickstoff-Nachlieferungsvermögen kann eine N-Gabe von maximal 50 kg/ha verabreicht werden.
Ernte der heikle Punkt im Anbau
Die Flachsernte stellt das grösste Problem des Anbaus dar. Für beste Faserqualitäten wird als Ernteverfahren das aufwendige Raufen empfohlen, bei dem die Pflanzen mit den Wurzeln ausgerissen werden und anschliessend in Schwaden zur Feldröste liegen bleiben. Es ist auch möglich den Leinbestand mit einem scharfen Mähbalken zu mähen. Dadurch geht aber ein wesentlicher Teil des Faserertrags verloren.
Mit neueren Verfahren kann die Ernte rationalisiert werden. Die Fasern erreichen bei Verwendung moderner Aufschlusstechnologien so gute Qualität, dass sie, wie traditionelle Langfasern, im Textilienbereich eingesetzt werden können. Der ideale Erntezeitpunkt ist gegeben, wenn die Halme von unten nach oben gelb und bis zur Hälfte ihrer Blätter verloren haben, meistens im Monat August. Nach der Feldröste, kombiniert mit mehrmaligem Wenden, wird das Flachsstroh gepresst.
Für die Ölleingewinnung ist der richtige Erntezeitpunkt, wenn der Stengel weitgehend abgestorben ist. Je nach Standort und Witterung ist dies Mitte August bis Ende September der Fall. Da die Kapsel relativ platzfest sind, kann bis zu einer gleichmässigen Abreife zugewartet werden. Der Mähdrusch ist nicht unproblematisch. Das Stroh kann sich um rotierende Werkzeuge wickeln und Verstopfungen verursachen. Deshalb ist eine Umrüstung nötig, bei der rotierende Werkzeuge wie z.B. der Haspel geschützt werden müssen. Gute Erfahrungen wurden mit dem Schwaddrusch gemacht.
Unsichere Marktchancen
Eine vor kurzem in der Schweiz durchgeführte Marktanalyse hat ergeben, dass Flachs zusammen mit Hanf die bekannteste, einheimische Pflanzenfaser mit dem grössten und vielfältigsten Potential ist. Dazu tragen unter anderem die guten technischen Eigenschaften der Fasern (zum Beispiel Faserlänge und Festigkeit) und die damit verbundenen vielseitigen potentiellen Anwendungsmöglichkeiten bei.
Für viele Produkte aus den Bereichen Papier, Textilien, Dämmstoffe, Faserbeton und faserverstärkte Kunststoffen sind Fasern mit hohem Aufschlussgrad erforderlich. Für diese Branchen wurde in der Studie gesamthaft ein Marktpotential von mehreren Hundert Tonnen Fasermaterial aus Flachs und Hanf ermittelt. Wegen der fehlenden Faseraufschluss- und Aufbereitungsanlage in der Schweiz können diese Fasern aber nicht bei uns produziert werden. Das heisst, die Fasern müssten zuerst in umliegende Länder mit entsprechender Infrastruktur (beispielsweise nach Deutschland, Frankreich, Holland) exportiert und dann die Zwischenprodukte wieder eingeführt und fertig verarbeitet werden. In der Papier- und Garnproduktion fehlt auch die Infrastruktur zur weiteren Verarbeitung.
In der menschlichen Ernährung beschränkt sich der Markt für einheimische Leinkörner auf ökologische (v.a. biologische) Produkte, die in Reformhäusern einen Absatz haben. Demgegenüber ist Leinöl für technische und menschliche Zwecke wenig gefragt. Es wird sehr billig aus dem Ausland importiert, wo es zum Teil als Nebenprodukt der Fasergewinnung anfällt. In der Tierernährung dürfte ein Markt für Leinsamen von einigen hundert Tonnen bestehen, der zur Zeit mit Importen abgedeckt wird. Daraus ergibt sich sowohl für Flachsfasern als auch für Leinkörner ein zur Zeit kleines und unsicheres Markpotential.
| Zusätzliche Infos:
Informationssystem Nachwachsende Rohstoffe, Tel. 01-3777267 |