aus: Naturwissenschaftliche Rundschau 12/99

Chancen für die Nutzung pflanzlicher Proteine


Dr. Michael Bonk, Freiburg

Die Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Bereich Nachwachsende Rohstoffe konzentriert sich hierzulande auf die industrielle Nutzung pflanzlicher Kohlehydrate, Fette und Öle. Proteine (Eiweiße) werden bislang wenig genutzt, obwohl sie neben den genannten zu den drei wichtigsten Stoffgruppen in der Natur zählen. Pflanzen können große Mengen an Proteinen enthalten, vor allem in ihren Samen. Es ist daher erstaunlich, daß der chemisch-technischen Nutzung dieser Stoffgruppe bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

 

Inhalt:

Pflanzen als Proteinlieferanten

Gewinnung pflanzlicher Proteine

Raps- und Weizenproteine

Funktionalität und Modifizierung pflanzlicher Proteine

Kleines Produktsortiment

Zukunft für pflanzliche Proteine

Tierisches contra pflanzliches Protein

Ökonomische Betrachtungen und Perspektiven

Literatur

 
 

Prinzipiell können sowohl pflanzliche als auch tierische Produkte als nachwachsende Rohstoffe bezeichnet werden. Gemeinsames Kriterium ist ihre Anwendung außerhalb des Nahrungs- und Futtermittelsektors. Unter ökologischen Gesichtspunkten ist die Nutzung pflanzlicher Rohstoffe vorzuziehen, da sie eine ausgeglichene Kohlendioxidbilanz gewährleisten. Zudem besitzen Pflanzen im Gegensatz zu Tieren die Fähigkeit, sämtliche notwendigen Substanzen mit Hilfe der Energie des Sonnenlichts selbst herzustellen. So werden auf der Basis von Kohlendioxid und Wasser in der Photosynthese einfache Kohlehydrate und Reduktionsäquivalente gebildet, mit deren Hilfe hochmolekulare Kohlehydrate (Stärke und Zellulose), Fette und Proteine synthetisiert werden. Diese Biomoleküle ermöglichen es den Pflanzen zu wachsen, sie geben ihnen ihre Form, fungieren als Energie- und Nährstoffspeicher und liefern die nötige Stoffwechselenergie. Für die chemisch-technische Industrie stellen sie potentielle Rohstoffe dar, die allerdings mit fossilen Rohstoffen konkurrieren, für die bereits bewährte und kostengünstige Produktlinien vorhanden sind.

Pflanzen als Proteinlieferanten
Ausschließlich zur Proteingewinnung im chemisch-technischen Bereich angebaute Pflanzen gibt es nicht, und es dürfte sie auch in Zukunft kaum geben. Neben den Samen von proteinreichen Leguminosen (Lupine, Erbse, Ackerbohne u.a.) sind auch die Samen typischer Ölpflanzen (wie Soja, Raps, Sonnenblumen) reich an Protein. Ähnliches gilt für viele Stärkepflanzen wie Weizen und Mais, die in ihren Samen ebenfalls Eiweiße gespeichert haben (Tab. I; [1]).

Es liegt daher nahe, das Synthesepotential dieser Pflanzen im Sinne einer höheren Wertschöpfung vollständig auszunutzen und die bei der Öl- und Stärkegewinnung anfallenden proteinreichen Rückstände industriell zu verwerten. In Europa sind vor allem solche Pflanzen für die Proteingewinnung interessant, die wie Raps, Sonnenblume, Weizen und Erbse bereits in großen Mengen angebaut werden (Tab. II)oder wie Lupine und Ackerbohne eine europäische Alternative zur hauptsächlich in den USA kultivierten Sojabohne darstellen. Die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten in Deutschland konzentrieren sich vorwiegend auf die Verwertung von Proteinen aus Raps und Weizen.



Gewinnung pflanzlicher Proteine
Zur Extraktion von Proteinen werden die Samen der verwendeten Pflanzen geschält, trocken gemahlen und mit Wasser versetzt. Wenn, wie im Falle von Raps, Soja und Sonnenblume, der Samen zur Ölgewinnung ausgepreßt wird, kann man auch den proteinhaltigen Preßkuchen (bzw. das Extraktionsschrot) nach dem Trocknen mit Wasser versetzen. Im weiteren Verfahren wird der Einfluß des pH-Wertes auf die Löslichkeit der Proteine ausgenutzt. Bei alkalischem pH-Wert (pH 8-10) geht der größte Teil der Proteine in Lösung, durch eine gezielte Absenkung des pH-Wertes (auf pH 4,5) fallen sie schließlich aus und können von der Flüssigkeit getrennt werden. Nach dem Neutralisieren und Trocknen des proteinhaltigen Quarks enthält die Trockensubstanz (Isolat) bis zu 90 Prozent Protein. Umgekehrt kann das Milieu der wäßrigen Lösung auch so gewählt werden, daß nicht die Proteine, sondern andere Stoffe in Lösung gehen und so von den Proteinen abgetrennt werden. Das so gewonnene Konzentrat hat nach dem Trocknen immerhin noch einen Proteingehalt von bis zu 70 Prozent. Beide Verfahren wurden zur Gewinnung von Proteinisolaten und -konzentraten aus Sojabohnen optimiert und sind mit geringen Aufwand, wenig Material und Kosten verbunden. Vor allem in Deutschland, aber auch in anderen Ländern der EU, wird an der Optimierung daran angelehnter Verfahren zur Isolierung von Rapsproteinen im industriellen Maßstab gearbeitet [2].

Zur Extraktion von Protein aus Weizen und anderen stärkehaltigen Pflanzen wird das Mehl mit Wasser gemischt, so daß sich ein Teig bildet. Durch schonende Behandlung mit Wasser wird die Stärke aus dem Teig gewaschen, während das Protein zurückbleibt. Alternativ kann die Trennung auch durch Zentrifugieren erfolgen. Beide Verfahren sind zur Gewinnung von Weizenprotein in der Lebensmittelindustrie etabliert; nach der Trocknung ergibt sich ein Proteinanteil von über 80 Prozent [3, 4].

Mit einigen Abweichungen lassen sich solche Verfahren auch auf die Proteingewinnung aus anderen Pflanzen übertragen. Bei der Verfahrenswahl sowie der Wahl von pH-Wert, Temperatur, Druck und Konzentration ist die spätere Anwendung der extrahierten Proteine von Bedeutung. Ist man beispielsweise an der Gewinnung von Proteinen mit natürlicher (nativer) Struktur interessiert, so sind Extraktionstemperaturen unter 100°C anzuwenden, da anderenfalls die Proteine denaturieren. Deshalb ist die Extraktion von Protein aus den Rückständen der konventionellen Ölgewinnung problematisch, da hierfür hohe Temperaturen nötig sind. Wird die Saat lediglich gepreßt, treten kaum Denaturierungen auf. Dies gilt auch bei Kontakt mit organischen Lösungsmitteln
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Raps- und Weizenproteine

Um pflanzliche Proteine in der chemisch-technischen Industrie optimal zu nutzen, müssen deren Strukturen und Eigenschaften genau bekannt sein. Aus der Grundlagenforschung liegt zwar bereits einiges Wissen vor, doch ist zur Optimierung der wenigen bestehenden und zur Entwicklung neuer Produktlinien noch intensive Forschung notwendig. Im Folgenden soll nur auf Raps- und Weizenprotein eingegangen werden, weil sie für den europäischen Markt die größte Bedeutung haben.
Die Samen von Raps enthalten vorwiegend zwei Proteinfraktionen, nämlich das Globulin Cruziferin und das Albumin Napin, mit bis zu 50 beziehungsweise 40 Prozent Anteil am gesamten Samenprotein. Cruziferin ist ein Oligomer mit einer relativen Molekülmasse von 360 kDa, dessen 6 Untereinheiten aus je einer sauren, hydrophilen und einer basischen, hydrophoben Polypeptidkette bestehen. Die beiden Ketten sind über 2 Disulfidbrücken sowie nichtkovalente Bindungen miteinander verknüpft. Da die hydrophobe Kette im Inneren des Moleküls liegt, ist Cruziferin im Gegensatz zu den meisten Globulinen in wäßrigen Medien löslich. Die Albumine in Rapssamen besitzen eine relative Molekülmasse von 12 bis kDa. Das vorherrschende Albumin Napin ist stark basisch und über einen weiten pH-Bereich in wäßrigen Medien löslich. Disulfidbrücken gewährleisten eine kompakte Struktur [2].
Die Hauptproteinfraktion von Weizen ist das äußerst viskos-elastische, wasserunlösliche Gluten, das wiederum aus zwei Fraktionen besteht, dem Glutenin (44%)und und Gliadin (56%). Glutenin ist die elastische Komponente des Weizenglutens mit hoch- (80-120 kDa) und niedermolekularen (35-60 kDa) Anteilen, die über Disulfidbrücken und nichtkovalente Bindungen zu Polymeren aggregiert sind. Deren relative Molekülmassen gehen in die Millionen. Die niedermolekularen Gliadine bilden den viskosen Anteil des Glutens, in das sie über nichtkovalente Wechselwirkungen eingebettet sind. Im Gegensatz zum Glutenin sind sie durch Ethanol und andere organische Lösungsmittel aus dem Gluten extrahierbar [4]
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Funktionalität und Modifizierung pflanzlicher Proteine

Die funktionellen Eigenschaften von Proteinen hängen im Wesentlichen von deren Tertiär- und Quartärsturktur sowie deren Ladungszustand ab. Dabei sind verschiedene Faktoren für die Verwendbarkeit von pflanzlichen Proteinen im chemisch-technischen Bereich von Bedeutung. Der amphotere Charakter vieler pflanzlicher Proteine (d.h. sie haben Säure- und Baseneigenschaften) bedingt deren Löslichkeitseigenschaften, der amphipathische Charakter (d.h. sie haben zwei funktionelle Teilbereiche) ermöglicht Wechselwirkungen sowohl mit hydrophilen als auch mit hydrophoben Molekülen. Pflanzliche Proteine sind im Vergleich zu tierischen eher globulär aufgebaut und zeigen eine gleichmäßigere Verteilung polarer Seitenketten, weshalb sie eher Komplexe mit gleichsinnig geladenen Substanzen bilden können, wie beispielsweise Polyanionen. Zudem haben die meisten pflanzlichen Speicherproteine hohe relative Molekülmassen und zeigen vielfältige Möglichkeiten der Vernetzung, was ihnen klebende Eigenschaften verleiht.
Für viele Anwendungen kann nicht das extrahierte "Naturprodukt" genutzt werden, sondern es ist nötig, die bestehenden Eigenschaften entsprechend der späteren Anwendung zu modifizieren. Hierfür stehen vielfältige chemische, enzymatische sowie physikalische Techniken zur Verfügung, wobei bei der Wahl der Methode auch verfahrenstechnische Aspekte in Betracht zu ziehen sind. Physikalische Modifizierungen sind am billigsten und ermöglichen die mechanische Auflösung beziehungsweise Beeinträchtigung der nativen Proteinstruktur. Chemische Modifizierungen sind abhängig von der Anzahl, Reaktivität und Zugänglichkeit modifizierbarer Seitengruppen, der Größe der modifizierenden Gruppe sowie vom verwendeten Reaktionsmedium. Enzymatische Modifizierungen sind sehr teuer, zeichnen sich jedoch durch eine hohe Spezifität aus. Änderungen in den funktionellen Eigenschaften von Proteinen können durch Modifizierung der Struktur (z.B. Denaturierung durch Hitze, Druck), der Größe (z.B. durch Proteolyse, Cross-linking), der Ladung (z.B. durch Acylierung, Deaminierung) oder der Reaktivität (z.B. Einführung hydrophiler oder hydrophober Gruppen) erfolgen [4, 5]. Die Modifizierungen können in den Extraktionsverlauf integriert werden, sie sind aber auch nach der Proteinextraktion möglich [2]
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Kleines Produktsortiment
Bereits seit Anfang des Jahrhunderts werden Proteine als Grundstoff für den chemisch-technischen Bereich eingesetzt, doch ist die Forschung in diesem Bereich mit dem Aufkommen der Petrochemie fast vollständig zum Erliegen gekommen. Folglich werden Proteine nur in geringem Umfang genutzt, und das Produktsortiment ist entsprechend klein (Tab. III).
Bislang wichtigstes industriell eingesetztes Protein aus Pflanzen ist Sojaprotein, von dem 1990 weltweit etwa 95 000 Tonnen gewonnen wurden (Tab. IV). Die USA waren und sind noch heute der Spitzenproduzent mit etwa 70 000 Tonnen jährlich, wovon 35 000 Tonnen zur Herstellung von Papier und Verpackungen verwendet werden. Oberflächenbeschichtungen mit Sojaprotein-Isolaten als Bindemittel beeinflussen unter anderem die Bedruckbarkeit und die mechanische Belastbarkeit von Papier sowie die Haftung der wasserlöslichen Druckfarbe. Da sich Papiere und Verpackungen besser recyclen lassen, wenn sie mit Protein statt mit synthetischen Stoffen beschichtet sind, werden die Forschungen auf diesem Gebiet seit einiger Zeit intensiviert. Als Grundstoff für Beschichtungen sowie für Leime und Kleber findet außerdem Weizengluten Verwendung, von dem als Nebenprodukt der Stärkegewinnung weltweit pro Jahr etwa 450 000 Tonnen anfallen [4, 5, 6].


Auch Proteine tierischen Ursprungs sind im chemisch-technischen Bereich von Bedeutung. Vor allem in Europa wurde seit jeher das Milchprotein Casein statt dem in den USA verwendeten Sojaprotein als Bindemittel für Papierbeschichtungen genutzt, das sich außerdem für die Herstellung von Etikettierklebstoffen, Leimen und Lederdeckfarben eignet. Der Einsatz von Casein ist jedoch in diesen Sparten infolge der Konkurrenz petrochemischer Produkte weltweit unter 5 000 Tonnen pro Jahr gesunken. Eine wichtige Rolle spielt hingegen Kollagen, ein faseriges, wasserunlösliches Gerüstprotein aus Haut, Knorpel und Sehnen, das aus Gerbereiabfällen stammt und daher kaum Kosten verursacht. Kollagen wird in der Kosmetikindustrie zur Stabilisierung von Wasser-Fett-Emulsionen eingesetzt. Durch thermische Denaturierung wird aus ihm Gelatine hergestellt, die zur Produktion von Klebern und Leimen Anwendung finden [6, 7].


Zukunft für pflanzliche Proteine
Der niedrige Forschungs- und Entwicklungsstand zum Einsatz pflanzlicher Proteine erschwert es, mögliche Marktchancen für eine Anwendungen abzuschätzen. Prognosen beruhen entweder auf Überlegungen, bestehende Produkte mit nachteiligen Eigenschaften zu ersetzen und mögliche Nischenmärkte zu erschließen oder auf Erfahrungen mit tierischen Proteinen, die man auf pflanzliche Proteine zu übertragen versucht.
Pflanzliche Proteine kommen als Ersatz für gesundheitsschädliche Bindemittel auf Harnstoff- und Phenol-Formaldehyd-Basis in Frage, wie sie in der Holzindustrie unter anderem bei der Herstellung von Sperrholz eingesetzt werden. Allein in den USA wären 1,4 Millionen Tonnen solcher Bindemittel pro Jahr zu ersetzen - ein großes Potential für pflanzliche Proteine [5].
Ein interessanter Nischenmarkt für die technische Anwendung ist die Einkapselung von Pharmazeutika, Agrochemikalien und anderer Wirkstoffe. Durch Modifizierungen der Proteinstruktur kann die Abbaubarkeit der Proteinkapsel variiert und damit die Freisetzung der eingeschlossenen Substanzen kontrolliert werden [5].
Neu ist auch die Entwicklung von Kunststoffen und Tensiden unter Verwendung pflanzlicher Proteine. Dabei ist wegen der Verfügbarkeit auf dem europäischen Markt hauptsächlich Protein aus Raps und Weizen von Interesse. Für die Kunststoffherstellung liegen bereits Erfahrungen mit tierischen Proteinen vor: Das Milchprotein Casein läßt sich ähnlich den auf Rohölbasis gewonnenen Kunststoffpolymeren Polyethylen und Polypropylen thermoplastisch aufschließen, es erweicht und fließt unter Druck und Hitze. Voraussetzung für die Plastifizierung sind Weichmacher, die der Polymermatrix hinzugefügt werden und eine Kunststoffproduktion bei niedrigen Temperaturen ermöglichen [7]. Entsprechende Verfahren wurden inzwischen auch für Sojaprotein entwickelt. Sie dürften sich wegen der strukturellen Ähnlichkeiten auch auf Rapsprotein übertragen lassen, womit pflanzliches Protein für den im Wachstum befindlichen Markt biologisch abbaubarer Kunststoffe immer interessanter würde. Allerdings konkurriert pflanzliches Protein mit anderen Biopolymeren wie Stärke und biotechnologisch gewonnenen Kunststoffen wie Polyhydroxybuttersäure.
Als Bestandteil biologischer Verbundstoffe mit Polysacchariden, wie sie unter anderem bei der Entwicklung neuer Transplantat- und Implantatmaterialien zum Einsatz kommen, dürften pflanzliche Proteine auch in Zukunft kaum eine Rolle spielen. Hierfür hat Kollagen günstigere Eigenschaften, insbesondere zeigt es nur geringe oder gar keine antigene Wirkung
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Tierisches contra pflanzliches Protein
Für chemisch-technische Zwecke verwertbares Protein kann sowohl tierischen als auch pflanzlichen Ursprungs sein. Tierisches wie pflanzliches Protein sind prinzipiell biologisch abbaubar, nachwachsend und in großen Mengen verfügbar. Eine Bilanzierung unter ökologischen Gesichtspunkten spricht allerdings eindeutig für die Verwertung pflanzlichen Proteins, denn letztlich sind alle tierischen Proteine pflanzlichen Ursprungs. Tiere bauen die aufgenommenen pflanzlichen Proteine bis zu den Aminosäurebausteinen ab und schleusen diese in den eigenen Proteinaufbau ein. Der Wirkungsgrad dieses Ab- und Wiederaufbaus liegt unter 5 Prozent, ist also energetisch sehr ungünstig [7]. Außerdem bietet die Nutzung von pflanzlichen Rohstoffen eine ausgewogene Kohlendioxidbilanz. Andererseits fallen manche tierischen Proteine als billige Abfallprodukte an, wie das in der Kosmetikindustrie genutzte Kollagen. Es durch pflanzliches Protein ersetzten zu wollen, wäre in diesem Fall ökonomisch und ökologisch nicht sinnvoll.

Ökonomische Betrachtungen und Perspektiven
Die Gewinnung industriell einsetzbarer Proteine aus Pflanzen kostet heute etwa genauso viel wie die petrochemische Herstellung, sie ist zum Teil sogar günstiger (Tab. V). Soja- und Erbsenprotein sind beispielsweise auf dem Weltmarkt etwa gleich teuer wie die synthetischen Polymere Polyvinylacetat und Polyvinylalkohol, das Weizenprotein Gluten ist sogar weitaus billiger [5, 6]. Solche Preisvergleiche sind allerdings problematisch und eigentlich nur zulässig, wenn mit den verglichenen Grundstoffen oder über deren chemisch-technische Umwandlungsprodukte auch die gleiche Produktpalette erreichbar ist. Insbesondere auf dem Sektor der Polymere sind für Preisvergleiche auch andere pflanzliche Produkte interessant. Pflanzliche Biopolymere wie Stärke und Zellulose sind billiger als pflanzliche Proteine. Aufgrund von Überschneidungen mit der Produktpalette von Stärke und Zellulose besteht direkte Konkurrenz. Die Verwendung pflanzlicher Proteine
hängt in diesen Fällen von funktionellen Eigenschaften ab.


Da Produktlinien auf petrochemischer Basis seit langem etabliert sind, hat die Industrie bisher wenig Interesse gezeigt, auf dem Sektor pflanzliche Proteine als Grundstoffe für chemisch-technische Anwendungen zu forschen. Allerdings dürfte die Motivation von Unternehmen mit wachsendem Druck der öffentlichen Meinung zunehmen, zumal Tenside, technische Polymere und Beschichtungen auf Basis pflanzlicher Proteine potentiell biologische Abbaubarkeit gewähren. Dies gilt natürlich auch für andere Grundstoffe aus Rohstoffpflanzen wie Stärke, Zellulose, Fette und Öle. Massenmärkte dürften sich auf diesem Sektor allerdings nicht auftun. Beispielsweise stößt der seit Jahren in Deutschland geförderte und intensivierte Rapsanbau zur Gewinnung des als Biodiesel bezeichneten Rapsölmethylesters an Grenzen. Es ist ökologisch gesehen bedenklich und auch nicht praktikabel, Raps in derart großen Mengen anzubauen, um sämtliche Dieselmotoren mit Biodiesel zu betreiben. Hingegen ist es sinnvoll, Rapsöl in ökologisch sensiblen Bereichen einzusetzen, beispielsweise als Kraft- und Schmierstoff in der Land- und Forstwirtschaft. Im Zusammenhang mit der Nutzung anderer pflanzlicher Rohstoffe sind auch die Marktchancen für die Verwertung pflanzlicher Proteine zu sehen. Unternehmen, die bereits Produkte auf Basis nachwachsender Rohstoffe herstellen, dürften zur Erzielung einer höheren Wertschöpfung daran interessiert sein, Proteinrückstände zu nutzen, die bei der Gewinnung von Stärke und pflanzlichem Öl ohnehin anfallen.
Der überwiegende Teil der Forschungs- und Entwicklungsarbeit wird zur Zeit noch von der öffentlichen Hand finanziert. Über die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) fördert das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BML) seit 1993 verschiedene Projekte zur Nutzung pflanzlicher Proteine, von denen 5 bis Mitte 1998 abgeschlossen waren, 2 inzwischen abgelaufen sind und 6 weitere derzeit bearbeitet werden. Allerdings belief sich im Zeitraum 1993-1996 der Anteil der dafür aufgewendeten Fördermittel auf gerade einmal 1 Prozent des Mittelvolumens der FNR, 1997/1998 waren es 2 Prozent (Tab. VI).

Der Schwerpunkt liegt auf der Gewinnung und Verwertung von Proteinen aus Raps und Weizen, jedoch dürften sich die Ergebnisse und Erfahrungen auch auf andere Pflanzen übertragen lassen. Für die Zukunft zeichnen sich zwei Forschungsschwerpunkte ab: das Synthesepotential von Pflanzen für die Rohstoffgewinnung besser auszunutzen und die Produktpalette für pflanzliche Proteine in der chemisch-technischen Industrie zu erweitern.

Literatur
[1] W. Franke: Nutzpflanzenkunde, 6. Aufl., Georg Thieme Verlag. Stuttgart 1997.

[2] T. Luck, A. Borcherding: Abschlußbericht: Untersuchungen zum technischen Einsatzpotential pflanzlicher Proteine aus entfettetem Raps als Rohstoff für technische Nutzungen (Förderkennzeichen 95 NR 101-F). Verbundvorhaben: Technischer Raps. Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung. Freising 1998.

[3] J. A. Bietz, G. L. Lookhart, Cereal Foods World 41, 376 (1996).

[4] W. Bergthaller: New uses of wheat gluten and non-starch wheat components. Proceedings of the International Wheat Quality Conference 1997. In : Steele J.L. und Chung O.K. (Hrsg.): Grain Industry Alliance. Manhattan/KS 1997.

[5] J. T. P. Derksen, J. M. Vereijken, P. Kolster (1996): Biopolymers for technical applications: the versatility of proteins. In: H. Eierdanz (Hrsg.): Perspektiven nachwachsender Rohstoffe in der Chemie, VCH, Weinheim 1996.

[6] T. Luck, A. Borcherding: Abschlußbericht: Evaluierung der technischen Verwertungsmöglichkeiten für die Nebenprodukte der Ölerzeugung aus Raps (Förderkennzeichen 10618 A). Verbundvorhaben: Kraftstoff aus Raps. Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung. Freising 1994.

[7] A. Borcherding, T. Luck: Pflanzliche Proteine für technische Anwendungen. In: von Weizsäcker E.U. (Hrsg.): Mensch, Umwelt, Wirtschaft. Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg 1995.

Informationen aus dem Internet über Rohstoffpflanzen und Nachwachsende Rohstoffe:

Informationen über die Arten: http://www.agrinf.agrar.tu-muenchen.de/zw/arten/

Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe: http://www.fnr.de

Informationssystem Nachwachsende Rohstoffe: http://www.inaro.de/

Verband der Chemischen Industrie: http://www.vci.de/InternetBase.asp?mod=6


Glossar Proteine:
Globuline Sammelbezeichnung für höhermolekulare Proteine, die in reinem Wasser nicht oder nur schwer löslich , in Salzlösungen hingegen gut löslich sind. Unter diese rein operationale Bezeichnung fällt eine Vielzahl strukturell und funktionell unterschiedlicher Proteine in nahezu allen Zell- und Gewebetypen von Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren (inklusive des Menschen). Beispiele: Prothrombin, Fibrinogen und Immunglobuline im Blutplasma, Cruziferin aus Raps, Glycinin und ß-Conglycinin aus Soja.
Albumine Sammelbezeichnung für wasserlösliche Proteine aus Körperflüssigkeiten und Pflanzensamen. Im Gegensatz zu Globulinen, die stark glycolisiert sein können, sind die Albumine kohlenhydratfrei. Beispiele: Serumalbumin im Blutserum, Lactalbumin aus der Milch, Legumelin aus Leguminosen, Napin aus Raps.
Prolamine Gruppe von Proteinen, die nur in Getreide vorkommen. Beispiele: Zein aus Mais, Hordein aus Gerste, Gliadin aus Weizen und Roggen (bildet zusammen mit Glutenin das als Klebereiweiß bezeichnete Gluten).