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Gras
liefert Energie für die Stadt Schaffhausen
200 Landwirte werden den Rohstoff für die weltweit erste
kommerzielle "Gras-Raffinerie" liefern.
Von Bernward Janzing
Erschienen
in "Die SolarRegion" 1/2.2001 (S. 8-9) und in "Neue Energie"
Bilderquellen: 2B Biorefieneries
Im Stadtbild
von Schaffhausen wird die Landwirtschaft künftig stärker präsent sein:
Traktoren mit Anhänger werden in der schweizerischen Kantonsstadt ab Sommer
Richtung Gewerbepark rollen.
Denn in Schaffhausen am Hochrhein entsteht gerade das weltweit
erste kommerzielle Graskraftwerk. Gräser aus dem Schaffhauser Umland,
eingesammelt von insgesamt 600 Hektar Fläche, werden dort ab Juli in einer
"Bioraffinerie" energetisch verwertet. Aus 4400 Tonnen Trockensubstanz
sollen auf diese Weise jährlich etwa drei Millionen Kilowattstunden Strom,
eine Million Kilowattstunden Gas fürs Gasnetz, sowie vier Millionen Kilowattstunden
Wärme gewonnen werden. Die Hälfte der Wärme kann abgegeben werden, die
andere Hälfte wird als Prozessenergie benötigt.
Das Kraftwerk wird nicht nur umweltfreundlich Energie liefern.
Es wird auch Landwirten neue Perspektiven geben. "Wir wollen auf
den Flächen keine Milch- und Fleischproduktion - davon haben wir mehr
als genug", sagt Hermann Sieber, Geschäftsführer des Genossenschaftsverbandes
Schaffhausen (GVS), und nach eigenem Bekunden "Hauptschuldiger"
an dem Graskraftwerk-Projekt. Man habe somit vor der Frage gestanden:
"Was passiert künftig mit dem Gras." Denn dieses werde auch
in Zukunft anfallen - schließlich möchte man sich die Wiesen als Teil
der Kulturlandschaft erhalten.
"Ein Landwirt unseres Verbandes hatte Kontakt in die
USA, und brachte von dort die Idee mit" erinnert sich Sieber. "Und
dann kam er zu mir, weil er wußte: Der Sieber macht ein so verrücktes
Projekt mit." Er selbst sei auch wirklich angetan gewesen von der
Idee, und habe dann irgendwann gesagt: "lasst uns das machen."
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Neue Perspektiven
für die Landwirte von Schaffhausen: Mit der "Warenlieferung"
Gras gegen sinkende Getreidepreise
(Quelle: 2B Biorefineries)
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So werden nun ab Sommer
mehr als 200 Landwirte der Region ihre Ware aus einem Umkreis von bis
zu zehn Kilometern an das Kraftwerk liefern. Wenn man bedenke, dass "Bauern
keine Hurra-Menschen sind, die sich durch jede neue Technik gleich faszinieren
lassen", dann könne man mit der Resonanz in der Landwirtschaft "sehr
zufrieden" sein, sagt Sieber.
Aber es stimmen eben
auch die Konditionen. Für drei Jahre wurde den Landwirten ein Vertrag
angeboten, die Preise sind für diese Zeit lange festgeschrieben. Zwischen
16 Schweizer Franken je 100 Kilogramm Trockensubstanz für so genanntes
Ökogras, das erst nach dem 15. Juni gemäht werden darf, und 22 Franken
für die proteinreiche Luzerne liegen die Vergütungen. Jeder Hektar bringt
bei zwei bis drei Schnitten im Jahr bis zu 10 Tonnen Trockensubstanz.
Damit bräuchten sich die Schaffhauser Landwirte durch sinkende Getreidepreise,
wie sie in den kommenden Jahren zu erwarten seien, nicht mehr beunruhigen
lassen, freut sich Sieber: "Das Einkommen der Bauern orientiert sich
nun am Energiemarkt, und dort sehen die Perspektiven besser aus."
Stolz ist Sieber auch
darauf, den Landwirten nicht nur eine neue Einnahmequelle geschaffen zu
haben, sondern zugleich eine, die ohne Subventionen auskommt - was auch
in der Landwirtschaft der Schweiz eher selten ist. Im Sommer liefern die
Landwirte das Frischgras in die "Gras-Raffinerie", im Winter
die Siloballen. Des Weiteren sollen künftig pro Jahr 1000 Tonnen Biomasse
von Straßen und Bahnböschungen, sowie Geschwemmsel aus den Rechen der
naheliegenden Flußkraftwerke am Rhein energetisch verwertet werden. "Wir
haben am Ende Produkte, die sich mit guter Wertschöpfung vermarkten lassen",
sagt Sieber.
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Vor der Vergärung
werden die Fasern extrahiert, die Proteine agbeschieden, und es bleiben
Kohlehydrate für die Biogasnutzung
(Quelle: 2B Biorefineries)
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Die Anlage
wird schlüsselfertig erstellt von der Firma "2B Biorefineries"
aus dem schweizerischen Dübendorf, die bereits seit 1998 in Märwil im
Thurgau eine Pilotanlage betreibt. Die Gras-Vergärung funktioniert ein
wenig anders als die Vergärung in einer klassischen Biogasanlage. "Wir
vergären ohne organische Feststoffe", sagt Graeme Hansen, einer der
Entwickler der Firma 2B. Denn die Fasern werden zuvor extrahiert. Das
geschieht ohne Chemikalien - "ähnlich, wie in einem Kuhmagen."
Die Fasern können anschließend als Dämmstoff, oder als Füllstoff für
Faserverbundwerkstoffe verwendet werden. Diese "Graswolle" habe
Brand- und Dämmeigenschaften, die Glas- und Steinwolle vergleichbar ist,
heißt es.
Proteine werden anschließend
abgeschieden, und als Tierfutter verkauft. Dies sei die wirtschaftlichere
Variante der Proteinnutzung. Die Proteine für die energetische Verwertung
aufzubereiten, sei sehr aufwändig, sagt Peter Müller von der Firma 2B.
Für die energetische Nutzung bleibt somit eine Brühe, die überwiegend
noch Kohlenhydrate enthält. Sie wird bei etwa 35 Grad Celsius zu Biogas
vergoren. Aus eine Tonne Gras-Trockensubstanz lassen sich auf diese Weise
380 Kilogramm Fasern gewinnen, so wie 190 Kilogramm Protein, 615 Kilowattstunden
Strom und 900 Kilowattstunden Wärme. Zudem bleiben 269 Kilowattstunden
je Tonne, die künftig als Biogas ins Netz eingespeist werden.
Betreiberin der Anlage
wird die im Frühjahr 2000 gegründete Bioenergie Schaffhausen AG sein.
Aktionäre sind neben dem Genossenschaftsverband Schaffhausen auch verschiedene
Landwirte, die Etawatt Schaffhausen AG (ein Energiedienstleister und Contractor),
die Städtischen Werke Schaffhausen/Neuhausen und weitere Teilhaber. 6,7
Millionen Schweizer Franken werden die Gesellschafter bis zur Inbetriebnahme
der Anlage investiert haben. Sie soll bereits im zweiten Betriebsjahr
Gewinn einfahren. 700.000 Schweizer Franken Einnahmen sind durch den Verkauf
der Naturfasern pro Jahr eingeplant, 1,6 Millionen Franken soll der Verkauf
der Energie einbringen.
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Bereits im zweiten
Jahr soll die Anlage durch Verkauf der Naturfasern und der Energie Gewinne
abwerfen
(Quelle: 2B Biorefineries)
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Der World
Wide Fund for Nature (WWF) steht der Anlage allerdings nur mit eingeschränkter
Sympathie gegenüber. Er befürchtet, das es zu einer intensiven Grasbewirtschaftung
kommen könne. Für die energetische Nutzung brauche man einen hohen Eiweißgehalt
im Gras, und diesen bekomme man nur durch Düngung, heißt es beim WWF Schaffhausen.
Zudem befürchtet der Umweltverband eine "Stromwäsche". Die Anlage
bezieht als Prozeßenergie jährlich 1,1 Millionen Kilowattstunden Strom aus
dem Netz, und liefert am Ende drei Millionen Kilowattstunden Ökostrom zurück.
Dass davon ein Drittel aber eigentlich als konventioneller Strom gewertet
werden müßte, mißfällt dem WWF. Somit erklärt der WWF, er sei zwar "nicht
gegen das Projekt", sondern versuche lediglich, auch die möglichen
Kritikpunkte zu thematisieren. "Wir hätten es gerne gesehen, wenn das
Gras nur von ökologisch genutzten Flächen bezogen würde", heißt es
bei dem Verband.
Obwohl die Anlage für
ihren Betrieb, und auch für die Anlieferung des Rohstoffes viel Energie
benötigt, sei die gesamte Energiebilanz positiv, versichert unterdessen
Ingenieur Hansen: "Für jede Kilowattstunde Input kommen etwa vier Kilowattstunden
hinten heraus." Und beim Thema künstliche Düngung ist sich Hermann
Sieber vom GVS ganz sicher: "Das macht für den Landwirt betriebswirtschaftlich
keinen Sinn." |